Dogblogger Adventskalender – Türchen 12

Es ist das erste Mal, dass wir am Dogblogger Adventskalender teilnehmen.
Lange habe ich überlegt, ob ich euch mein Lieblingsmopsplätzchenrezept verraten soll oder meinen Lieblingstrick, aber dann hat mir meine Zweibeinerin diese Geschichte vorgelesen.
Eine Geschichte von jenen, denen es nicht so gut geht wie mir.
Eine Geschichte, die ein klein wenig den Zauber der Weihnacht in die Welt tragen soll.
Verfasst von einem der jüngeren Zweibeiner meiner Familie.

Obdachlos
Autor: Hannah Overmeier

Er hatte noch nie ein Leben kennengelernt, welches sich nicht auf der Straße abspielt. Immer schon hatte er draußen gelebt, anfangs noch mit etwas, was man Familie nennen konnte, doch schon sehr früh war er auf sich allein gestellt gewesen. Er hatte zwar wage Erinnerungen von Wärme, genügend Essen und keine Einsamkeit, da diese Erinnerungen aber nur wage waren, wusste er nicht, ob sie real war. Er hatte sie schon lange als sehnsüchtige Träume abgestempelt.

Und trotz seines jungen Alters konnte er problemlos ohne Dach über dem Kopf leben, er hatte selbst die schlimmsten Situationen überlebt und bewältigt. Er hatte wohl einen sehr ausgeprägten Überlebensinstinkt, wusste instinktiv, welche Gegenden gefährlich waren, welche Mülltonnen er für Essen durchsuchen musste und welche nicht. Auch, welches Wasser er trinken konnte und welches nicht – Pfützen und Wasser an der Straßenseite würde er nur in größter Not anrühren.

Eigentlich sollte er dankbar sein, dass er noch am Leben war, denn das Leben auf der Straße war kein einfaches – ständig wurde er vertrieben, ob von Menschen mit luxuriösen Leben, die ihn nicht sehen wollten, wie er täglich in ihrer Umgebung ums Leben kämpfte, oder von denen, die es genauso schlecht hatten wie er und ihn nicht in ihrem Revier sehen wollten. Deshalb war er nie zu einem Platz gekommen, den er seinen Platz nennen konnte, da er sich einfach nicht gegen die wehren kann, die ihn nicht dort haben wollten.
Normalerweise war er dankbar für alles – für jedes bisschen Essen, welches er fand, für jeden ruhigen Platz, an dem er sich entspannen konnte, für jeden warmen Platz im Winter, selbst für sein tristes Leben war er dankbar.

Doch manchmal hatte er Tage, an denen er so müde und traurig war, dass er nicht aufstehen wollte und nach einem anderen Unterschlupf für den Tag oder nach Essen suchen wollte. So ging es ihm auch an diesem einen Tag, der nicht so war wie die anderen Tage. Es war einer dieser Tage gewesen, an denen es aufgrund der Kälte gefroren hat, die Wolken eine Mischung aus dicken Schneeflocken und Regen ausspuckten und keiner freiwillig sein Haus oder, in seinem Fall, Unterschlupf verlassen wollte.

Er saß an einer Hauswand von einem verlassenen Haus, welches zu diesem Zeitpunkt im Winter besonders trist wirkte, da es keine Wärme und feierliche Stimmung durch warmes Licht innerhalb und buntes Licht außerhalb des Hauses abgab. Das Haus hatte zwar ein Dach, aber in dem Haus hatten schon Andere Unterschlupf gesucht. Mit ihnen hatte er sich letztens erst angelegt, als er bei einem schwerem Sturm in genau diesem Haus einen sicheren Unterschlupf gesucht hatte. Wenn sie ihn schon bei einem Sturm nicht rein gelassen hatten, würden sie es wegen ein bisschen kaltem Regen auch nicht tun. Es war draußen zwar so unangenehm und kalt, dass er lieber in dem Haus sein würde und es war auch verlockend, einfach in das trockene Haus zu trotten, doch bei der letzten Begegnung mit den Anderen hatte er Wunden erlitten, die er nicht noch einmal erleiden wollte. Er war sich sicher, dass er sich jedes Mal nach einer Begegnung seine Wunden lecken würden müssen. Das Haus hatte aber eine Art Vordach, unter dem er einigermaßen trocken blieb, weswegen er sich noch immer dort aufhielt.

Jedoch peitschte der unruhige, beißende Wind immer wieder Regen und weiße Flocken gegen die Hauswand, so blieb er nicht so trocken, wie er es sich gewünscht hatte. Doch er akzeptierte es mit trauriger Resignation und legte sogar seinen Kopf auf den nassen und leicht gefrorenen Boden, als sein müder, kalter Körper keine Kraft mehr hatte, zu sitzen und er sich hinlegte.

Er wusste nicht, wie lange er dort lag. Er starrte nur mit dumpfen Augen auf die vor Nässe und Frost glänzende Straße, in der sich die feierlich bunten Lichter der belebten Häuser herum spiegelten,  und wandte seinen Blick nie von ihr ab. Seine Gedanken waren ruhig und er war sich nicht sicher, ob er überhaupt noch wach war, so still war es in seinem Kopf. Erst, als ein Paar Schuhe in sein Sichtfeld trat, wurde er ins Hier und Jetzt zurück gerissen. Seinen Kopf hob er immer noch nicht.

Es wurden Worte in der seltsamen Sprache der Menschen zu ihm gesagt, doch er reagierte nicht darauf. Er würde erst reagieren, wenn der Tonfall sich ändern würde und aggressiver werden würde, denn dann würden sie ihn vertreiben wollen und er wusste aus schmerzhafter Erfahrung, dass es besser war, dann zu fliehen. Der Tonfall änderte sich aber nicht, was ihn verwunderte, denn er hatte noch kaum einen Menschen getroffen, der ihn nicht vertreiben wollte. Dann würde der Mensch wahrscheinlich auf eine andere Art und Weise als die anderen Menschen versuchen, ihn zu vertreiben. Sein Körper spannte sich ängstlich in der Erwartung eines unangekündigten Trittes oder Schlages an. Doch nichts passierte.

Verwirrt schaute er auf und suchte die Augen des männlichen Menschen, die wahrscheinlich mit dem glühenden Hass oder dem gespielten Mitleid gefüllt waren, die er nur von Menschen kannte. Was er sah, hatte er noch nie zuvor in dieser Intensität an einem Menschen gesehen. Warme, mit Sorge gefüllte Augen, die seinen Körper und hauptsächlich Nacken absuchten. Suchten diese Augen nach dem Band, was seine mit wohlhabenden Menschen lebenden Artgenossen immer am Hals trugen, wenn sie mit Menschen draußen unterwegs waren? Da konnten sie lange suchen, ein solches Band hatte er in seinem ganzen Leben noch nie getragen. Zumindest konnte er sich daran nicht erinnern.

Der Mensch kniete sich vor ihn und hob vorsichtig seine mit dicken Stoff umwickelten Hände, als würde er ihn berühren wollen. Er zuckte zusammen, denn er erwartete einen Schlag, doch als nichts geschah, schaute er die Hand misstrauisch an, die vorsichtig immer näher kam. Der Mensch schien ihm tatsächlich nichts böses zu wollen, also würde er die Berührung zulassen. Und die federleichte, vorsichtige Berührung fühlte sich gut an. Noch nie zuvor hatte ein Mensch ihn so berührt, und er konnte die Artgenossen, die freiwillig mit Menschen lebten, zum ersten Mal verstehen. Es fühlte sich gut und richtig an, so berührt zu werden.

Er gab den instinktiven, glücklichen Reaktionen seines Körpers nach, wedelte erfreut mit seinem Schwanz und drückte seinen Kopf freudig hechelnd gegen die Hand. Der Mensch lachte ein warmes Lachen, kein böses Lachen, wie er es von den Menschen kannte, die ihn verscheuchen wollten. Er bellte erfreut als Antwort auf das Lachen und schaute den Menschen glücklich an.

Mit diesem Menschen an seiner Seite könnte er ein Leben innerhalb eines Hauses kennenlernen. Ein Leben mit genug Futter, Wasser, Wärme und Kontakt zu Menschen, die ihn akzeptierten und ihn nie vertreiben würden. Er würde einen festen Unterschlupf haben.
Nach kurzem Zögern sprang er auf den Schoß des Mannes, schmiegte sich an ihn und schloss seine Augen zufrieden.

Comments

Gabii
12. Dezember 2018 at 7:26

Wunderschön geschrieben, leider ganz oft bittere Realität. Danke!



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